Achim Stocker, Robert Enke, Selbstmörder und Züge

Fußballvereine, Fußballfans und anderweitige Fußballheinis, sind zurzeit schwer damit beschäftigt, ihre Fan- und Vereinsinternetseiten schwarz einzufärben, da sich in den letzten zwei Wochen tragische Schicksale in der Parallelwelt “Fußball” ereigneten: Achim Stockers Herz hörte wegen anhaltend schlechter Spielleistung des SC FREIBURG (deren Clubchef er war) auf zu schlagen. Herzinfarkt, eine Woche später Herzstillstand. Danach große Sause im Badenova-Stadion: Achim Stocker (inklusive Sarg) wurde mit Klängen zu “My Way” ins Stadion getragen, Günther Oettinger (inklusive Hubschrauber) hielt eine bewegende Trauerrede und schraubhubte nach ein paar Minuten unter lautem Getöse wieder ab, die Oberbergener Winzerkapelle stimmte das “Badnerlied” an, Bandenwerbung (außer Rothaus) wurde schwarz verhüllt, der OB Dieter Salomon hielt eine sehr persönliche Rede, 4000 Gäste (darunter viel Fußballprominenz) sahen sich die fulminante Verabschiedung des Fußballclubchefs an. Auf Live-Übertragung, Würstchen mit Senf und Bier und Halbzeitberichterstattung wurde, aus mir unerklärlichen Gründen, verzichtet…

Homepage von Hannover96
Ein paar Tage später mussten die Fußballfans unseres Landes wieder schwarze Farbe und Stoffe einkaufen, da sich der nationale und depressive Ballhalter Robert Enke am 10.11. (einen Tag vor Karnevalsbeginn) um 18.17h vor einen Regionalzug warf. Die Nachricht vom Tode des Nationalballhalters, traf die deutsche Fußballseele mitten ins Herz. Achim Stocker kann froh sein, dass er dies nicht mehr miterleben musste - wer weiß, ob sein Herz solch eine Belastung ausgehalten hätte.
In BILD füllte Robert Enke über mehrere Tage hinweg, mehrere Seiten. Robert Enkes Tod produziert(e) eine weitaus größere Show, als der Tod von Achim Stocker: Ein Länderspiel wurde abgesagt. Dr. Theo Zwanziger (DFB-Präsident) gab mehrere Pressekonferenzen, in welchen er immer wieder zum Ausdruck brachte, was für ein wunderbarer Mensch Robert Enke doch war. Nationalmannschaftsmanager Oliver Bierhoff fehlten die Worte. Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff (CDU) zeigte sich tief betroffen. Die Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Margot Käßmann (Bischöfin), hielt eine Trauerrede und meinte, dass Robert Enke seinen Weg allein zu Ende gegangen sei.
Anm. der Redaktion: Nunja, hochverehrte Frau Käßmann, so ganz allein war er leider nicht auf dem Gleis, sonst wäre es nicht zu solch einem dramatischen Unglück gekommen.
Am Sonntag (15. November 09) wird eine Trauerfeier in der AWD-Arena stattfinden - im Gegensatz zu Stockers Trauerfeier jedoch mit Live-Übertragung auf ARD (ab 11h - falls es überhaupt jemanden interessieren sollte). Der Verein Hannover 96 gab dann noch bekannt, dass die Nummer 1 (Nummer des Ballhalters, die auf den T-Shirts draufsteht) nicht mehr vergeben werden wird. Zur Trauerfeier werden 90.000 Fans erwartet - Bandenwerbung wurde komplett an Ratiopharm verkauft, welche an diesem Tag auf ihre guten Anti-Depressiva Medikamente hinweisen wird.
Der harte Kern der Enke-Fans, will den Zugführer des Regionalzuges, welcher Enkes Leben vermutlich entscheidend verkürzte, nach den Trauerfeierlichkeiten heimsuchen und lynchen. Geplant ist eine Todschießung mit Fußbällen.
Ja, werte Leserschaft, nun dürfte ihr Blutdruck in ungesunde Höhe geschossen sein - aber wissen Sie eigentlich, dass pro Tag cirka 3 Menschen durch Züge ums Leben kommen und mindestens eine Person davon in selbstmörderischer Absicht handelt? Allenfalls berichtet die regionale Presse in einem 5-Zeiler über so etwas. Bei einer Person jedoch, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, Tritte gegen einen Ball nicht in das heimische Tor einmarschieren zu lassen, gelten andere Regeln - je höher die Liga, umso höher die Trauer. Und, hochverehrte Leser, ist es Ihnen auch bewusst, dass in Deutschland mehr Menschen durch Suizid ums Leben kommen, als durch Autounfälle? Über unbekannte Selbstmörder berichtet meist nicht mal die lokale Presselandschaft - angeblich aus Gründen, die die Pietät und den Datenschutz betreffend sind. Selbstmord ist Routine - eben so, wie Autounfälle dies auch geworden sind.
Die Deutsche Bahn ist es mittlerweile leid, dass gute Zugführer arbeitsunfähig werden und aufs Abstellgleis verfrachtet werden müssen, nur weil sich ein Selbstmörder oder eine Selbstmörderin vor die Lok geworfen hat. Aus diesem Grund wird es ab Januar 2010 für Lokführer ein gestaffeltes Bonussystem pro erfolgreich erfassten und erlegten Selbstmörder geben. 30.000 Euro für die Premiere - damit ist der erste Selbstmord-Todesfall in der Karriere eines Lokführers gemeint. Von 2 bis 5 erlegten Zug-Selbstmördern, ist jeweils eine Zahlung von 35.000 Euro seitens Deutsche Bahn fällig. 6 bis 10 erlegte Suizidaspiranten füllen das Konto des Lokführers um jeweils 40.000 Euro. Ab dem 11. Selbstmörder bleibt die Überfahr-Prämie bei 50.000 Euro inklusive eines Bausparvertrags.
Es ist nämlich nicht die Zeit, die alle Wunden heilt, sondern Geld! Ab sofort werden sich Lokführer regelrecht auf Pirsch begeben, um ihr Konto aufzubessern - da bleibt für posttraumatische Depressionen wirklich keine Zeit mehr. Fußball sei Dank!
Dr. Satori.
Aus gegebenem Anlass an dieser Stelle der
TRAIN SONG von Vashti Bunyan:












Endlich mal einer, der Tacheles redet - dieser ganze Personenkult geht mir schon lange auf die Nerven. Denke aber, dass die Fußballfans sehr verärgert über diesen Artikel sein werden. Naja, wahrscheinlich ersäufen sie ihre Trauer sowieso in Alkohol und können dann diesen Artikel nicht mehr lesen. Kennt man ja von den grölenden Fußballfans.
Ganz Hannover ist in Trauer - ich kann es bald nicht mehr sehen. Nur weil sich ein “Ballhalter” (schön formuliert Dr. Satori) das Leben genommen. Mit Sicherheit sehr tragisch, vor allem für die Hinterbliebenen, aber es gibt Millionen von Schicksalen, die keinerlei Beachtung finden. Aus diesem Grunde finde ich diesen aggressiven Artikel wirklich richtig gut.
Dr. Satori scheint Fußballfan zu sein - weiter so!!
Schade, dass es dieses Bonussystem nicht schon früher gab - hätte ich mir ein hübsches Zugeld verdienen können. Jetzt bin ich leider in Pension. Bin Unterstützer dieses Bonussystems.
Endlich mal wieder ein richtig guter Artikel! Danke, Dr. Satori, damit haben Sie es mal wieder auf den Punkt gebracht!
Möchte an dieser Stelle anmerken, dass dieses Bonussystem für Lokführer meine Erfindung war!
saugut - wurde Zeit, dass Frau Merkel dieses Bonussystem eingeführt hat.
Verehrter Herr Dr. Satori,
ich finde es höchst ungebührlich, wie blasiert sie sich über diese Tragödie auslassen, welche uns in Mark und Bein traf. Deutschland hat einen Fantast verloren, der die Geschichte der Deutschen, unserer gemeinsamen Nation, umgeschrieben hatte. Ich kannte ihn! Ich kannte Robby durch ein Bild im Internet, nachdem er totgegangen war, der Rob, unser Robbie-Schnuffel, unser aller Robert.
Rob war für uns da, jetzt salutieren wir ihm, in Einigkeit, das sind wir ihm schuldig. - Who the f#ck is Robert Enke?!
Hochachtungsvoll
Lokführerpraktikant des RE 4427